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Komponistenportrait

Max Bruch (1838-1920)

Max Bruch (1838-1920) war der Sohn eines Kölner Polizeibeamten und einer Sängerin, die ihm seinen ersten Musikunterricht erteilte. Mit 14 gewann er den Preis der Frankfurter Mozart-Stiftung und studierte danach bei Ferdinand Hiller und Carl Reinecke. Diese beiden Lehrer waren Mendelssohn und Schumann nahegestanden, deren Ästhetik auch für Bruch selber wegweisend werden sollte. Dennoch gehörte Bruchs erstes grossangelegtes Werk jenem Genre, welches Mendelssohn und Schumann kaum gepflegt hatten: der Oper. Seine Scherz, List und Rache zu einem schon mehrmals vertonten Singspieltext von Goethe (u.a. Peter von Winter und E.T.A. Hoffmann hatten sich damit beschäftigt) wurde 1858 in Köln uraufgeführt, als Bruch zwanzigjährig war. Von dieser Oper ist allerdings heute nur noch der gedruckte Klavierauszug erhalten. Um dennoch das frühromantische Ambiente dieses Erstlingswerks erleben zu können, in dem der Geist Carl Maria von Webers stark zu spüren ist, haben wir den südafrikanischen Komponisten Stefans Grové mit der Instrumentierung der Ouvertüre beauftragt. Grové war Schüler von Aaron Copland, während einem Jahrzehnt Kompositionslehrer am Peabody Conservatory in Baltimore und war, wie es der Zufall will, auch an der Wiederentdeckung des Doppelkonzerts von Max Bruch in den 1970er Jahren mitbeteiligt. Er hat die Ouvertüre zu Scherz, List und Rache für Orchester mit doppelten Holz- und Blechbläsern instrumentiert.
 
Nach seinen Studien wohnte Bruch zunächst in Leipzig und zog dann nach Mannheim, wo er eine weitere Oper komponierte – Die Loreley –, welche aber nach einem Anfangserfolg von der Bühne verschwand. 1865 zog es Bruch wieder ins Rheinland, wo er in Koblenz Musikdirektor wurde. Dort vollendete er sein später berühmtes erstes Violinkonzert. Er war jedoch nach der Uraufführung 1866 mit dem Werk unzufrieden. Als er es später überarbeitete, wurde er dabei in violintechnischen Dingen vom grossen Geiger Joseph Joachim beraten (der wenige Jahre später bei der Entstehung des Violinkonzertes von Johannes Brahms eine ähnliche Rolle spielen sollte). Bruch vertraute Joachim die Uraufführung des revidierten Konzerts 1868 an und widmete ihm das Werk auch. Dieses Violinkonzert wurde zu Bruchs bekanntestem Werk – worüber sich der Komponist selber ärgerte, da es seine anderen Werke weitgehend überschattete (dass er noch zwei weitere Violinkonzerte komponierte, ist auch heute wenig bekannt). Aber dieses erste Konzert verdient durchaus seinen Ruhm. Wenn auch das Violinkonzert Mendelssohns hier als Pate stand – nach der rhapsodischen Einleitung erinnert sogar der Anfangsrhythmus von Solo und Begleitung deutlich an Mendelssohn – so steht ihm Bruch hier in seinem melodischen Reichtum in nichts nach. Vor allem der zweite Satz, Adagio, ist ein Wunderwerk der melodischen Erfindung. Der dritte Satz ist ein virtuoser Tanz, voller kniffliger Doppelgriffe und eine Meisterleistung von einem Komponisten, der sonst (wie in seinen Sinfonien) oft mit den Schlusssätzen Mühe hatte.

Die weniger bekannte Romanze für Bratsche und Orchester op. 85, obwohl über vierzig Jahre später im Jahr 1911 geschrieben, hat vieles mit dem langsamen Satz des ersten Violinkonzerts gemein. Auch hier gibt es eine liedhafte Rhetorik von berückender Schönheit, und auch hier beweist sich Bruch wieder als Meister der Instrumentierung: Sogar im tiefen Register lässt er die Solobratsche mühelos singen. 
 
Wie manch anderer grosser Melodiker – etwa Schubert – liess sich Bruch ebenfalls gern von der Volksmusik inspirieren. Er zeigte an den Volksliedern verschiedenster Länder grosses Interesse, von Schottland bis Russland, und verwendete sie immer wieder in seinen Werken, wie etwa in der
Schottischen Fantasie op. 46 oder im Adagio nach Keltischen Melodien op. 56. Es waren die Volkslieder Schwedens, die ihn offensichtlich am meisten inspirierten; die grazioso Serenade nach schwedischen Melodien (op. posth., 1916) war die letzte von mehreren Suiten für Orchester, die auf schwedischen Volksweisen basierten. Bruchs Interesse am Liedgut anderer Völker regte ihn auch zu Kol Nidrei an, seinem nach dem Ersten Violinkonzert wohl bekanntesten Werk. Er komponierte es 1880 in Liverpool, wo er während drei Jahre als Chefdirigent des dortigen Philharmonic Orchester unter Vertrag stand. Die hebräische Melodie, auf der das Werk basiert, erhielt Bruch von einem jüdischen Mitglied des Sternscher Gesangvereins in Berlin, dessen Dirigent er vor seinem Liverpooler Engagement gewesen war. Das Werk wurde für Cello und Orchester komponiert, aber von Anfang an plante Bruch eine Alternativfassung für Geige. Am 9. Oktober 1880 schrieb er seinem Verleger Simrock: „Ich wollte Ihnen nur noch sagen, dass ich für Hausmann ein Cello Stück mit Orchester geschrieben habe, über eine höchst vortreffliche Hebräische Melodie Kol Nidrei (Adagio). Am 2 November höre ich es hier zum ersten Mal … Auch als Violin Stück macht es sich sehr gut; ich habe es schon arrangiert und mit Schiever probiert, und alle meinen es macht sich sehr gut.“
 
Bemerkenswert ist es, dass die Serenade und die Bratschen-Romanze, obwohl beide während Bruchs Lebensabend entstanden, stilistisch seinen früheren Werken sehr nahestehen. Bruch lehnte nämlich den musikalischen Fortschritt von Wagner, Liszt und deren Nachfolgern komplett ab, was sich bei ihm auch in einem stilistischen „Stillstand“ ausdrückte. Dies schadete seinem Ruf zu Lebzeiten und auch in den Jahren nach seinem Tod. Wir aber sollen uns nicht vom mangelnden „Fortschritt“ bei ihm ablenken lassen, denn wenn ein Komponist eine solch grossartige melodische Begabung über sechzig Jahre lang aufrechterhält, so soll man sich darüber nur freuen und seine Musik geniessen.
 
© Chris Walton, 2010 – Text aus dem Büchlein von GMCD 7338

 



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